Mischung im Block: Wohnen über Gewerbe

  Innenhof mit Sitzplätzen, Menschen, Autos und Kind mit Bobbycar © nwb  

Mischung im Block – Multifunktionale Wohnquartiere

Neue Bauformen für urbane Mischung von Wohnen, Handwerk, Service und mehr

Das Projekt widmet sich dem planerischen Umgang mit bestehenden Gewerbestandorten auf dem Hintergrund von Flächenmangel, Mobilitäts-, Klimawandel und Klimaanpassung, globalen Trends der Digitalisierung und neuer Produktionsweisen sowie der Entwicklungen in der Arbeitswelt. Diese stellen Gewerbegebiete insbesondere vor die Aufgabe der Nutzungsflexibilisierung und baulicher sowie funktionaler Anpassung und der Gestaltung der dazugehörigen planerischen Prozesse und akterusbezogenen Rahmenbedingungen. Zudem werden im Kontext der fortschreitenden städtischen Nachverdichtung und der dadurch entstehenden Flächen- und Nutzungskonflikte planungsrechtliche, bautechnische und verfahrensorientierte Lösungen für die Symbiose von Gewerbe mit weiteren Nutzungen im Siedlungsraum, darunter insbesondere dem Wohnungsbau, gesucht. Diese werden in Zusammenarbeit planungswissenschaftlicher Fachdisziplinen mit Akteuren der kommunalen Flächen-, Bau- und Infrastrukturplanung sowie des Gewerbes und des Wohnbaus anhand konkreter Fallstudienräume erarbeitet, in gemeinsamen Workshops bzw. Tagungen vertieft und die Bedarfe und Handlungsmöglichkeiten durch bestehende politisch-planerischer Instrumente reflektiert.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu einem fundamentalen Bruch in der Geschichte der Stadt: Aufgrund der Annahme, dass verschiedene Funktionen negative Einflüsse aufeinander haben, sollten sie sich in enger Nachbarschaft befinden, wurden viele ähnliche Programme entwickelt, in denen die Trennung von Produktion, Wohnen und Konsum propagiert wurde. Das Gartenstadtkonzept von Ebenezer Howard (1902), die Charta von Athen (1933) von einer Gruppe um le Corbusier, die Gegliederte und Aufgelockerte Stadt von Johannes Görderitz und anderen (1944/1957 empfahlen für die zukünftige Stadtentwicklung die programmatische Trennung der Funktionen in der Stadt. Bis heute werden insbesondere Produktion bzw. Handwerk, aber zunehmend auch Einzelhandel und Dienstleistungen vom Wohnen als einer schutzwürdigen urbanen Funktion voneinander geteilt.

Mit der Kritik am Massenwohnungsbau der Nachkriegszeit änderte sich seit den 1980er Jahren die städtebauliche und architektonische Sprache der Moderne. Der menschliche Maßstab und traditionelle Stadtformen gewannen wieder an Attraktivität. Dennoch blieb die tatsächliche Mischung von Funktionen trotz unterschiedlicher Versuche der Annäherung etwa an die Gründerzeitquartiere eher Seltenheit.

Dem ist auch heute noch so. Zumeist reine Wohnquartiere wechseln sich am Stadtrand mit Gewerbegebieten ab, von den Stadtzentren wurde das Wohnen wiederum weitestgehend verdrängt. Mit dem Apell zur Rückkehr einer traditionellen Europäischen Stadt in der Leipziger Charta und den sich ändernden Rahmenbedingungen und Präferenzen werden mit der Reurbanisierung in Deutschland wieder stärker innerstädtische Quartiere nachverdichtet. Baulücken und ehemalige Industrieareale werden vorwiegend zu Wohnzwecken umgenutzt und entsprechend bebaut. Auch Innenhöfe, in denen traditionell Kleingewerbe und ergänzende Dienstleistungen von einer Flexibilität der Erdgeschosse und Blockinnenbereiche profitierten, werden zunehmend durch Wohnen belegt oder weichen zugunsten von Grünräumen aus. Eine aktuelle Studie des ILS Dortmund, des RWI Essen und der RWTH Aachen stellte in allen Nachverdichtungsräumen der sieben größten Städte Deutschlands bedeutende Verdrängung von Gewerbe und Dienstleistungen fest. Dabei ist es gerade die Urbane Mischung, welche die Stadtquartiere attraktiv macht. Neben Emissionsnormen, die insbesondere die gegenseitige Lärm- bzw. Schutzbestimmungseinwirkung unterschiedlicher Nutzungen regeln, sind es auch konzeptionelle und verfahrenstechnische Modelle bei Bauinvestitionen – die hohe Spezialisierung und Notwendigkeit von Investitionsabsicherung spielen monostrukturellen Entwicklungen wie puren Wohnvierteln in die Hand. Auch bieten Gewerbegebiete den Betrieben zunächst mehr Flexibilität für die durchaus unterschiedlichen Lebenszyklen und Bedarfe.

Problem: Als monostrukturelle Nutzung gebaute Strukturen sind bereits mittelfristig weniger flexibel bei Umnutzung, weniger widerstandsfähig in Krisen und weniger nachhaltig. Die Trennung von Funktionen führt zudem zu einer weniger effektiven Ausnutzung der Fläche in Intensität, Dichte und während der gesamten Tageszeit als kombinierte Nutzungen. Sie verstärkt somit den Bauflächenmangel und das Siedlungsflächenwachstum. Stadträume wie Gewerbegebiete bleiben reine monofunktionale, ungestaltete Räume. Neue Wohngebiete, wenn sie auch vielerorts die Form einer klassischen Stadt mit Blockrandbebauung übernehmen, leiden an lokaler Unterversorgung sowie Unternutzung und Verödung des öffentlichen Raumes und sind abhängig von externen Handels- und Dienstleistungsstandorten. Dies fördert die sog. abhängigen Verkehrsbedarfe: Fahrten mit Auto anstatt Strecken zu Fuß.

Die Flexibilisierung von einmal errichteten Baustrukturen ist dabei wesentlich schwieriger als die Errichtung nutzungsflexibler Strukturen.

Im Rahmen des Themas „Mischung im Block“ können daher folgende, sowie weitere Unterthemen bearbeitet werden, u.a.:

  • Flexibler Stadtblock: Erdgeschosse und Höfe für lebendige Stadtquartiere
  • Wohnen über dem Baumarkt/Fabrik: Koexistenz von Gewerbe und Wohnen
  • Flächensparende Bauformen für eine lebendige Stadt
  • Gewerbefreundliches Wohnen
  • Investitionskonzepte für multifunktionale flexible Nutzung
  • Lernen von Best Practice Projekten – Kritische Reflexion und Typisierung von Mischnutzungskonzepten: Analyse von Risiken und Vorteilen
  • Wohnen im Block – Sonderformen und Lösungen

Das Projekt bündelt mehrere Initiativen in Lehre und Forschung, u.a. im Rahmen des RWTH Forschungsnetzwerks ‚Making of Housing‘ und des ILS Fokusprojekts Arrival Neighborhoods.

Logo: orange und blaue Kästchen als Block, die Mischnutzung symbolisieren
 

Externe Links